Kaljakellunta – finnische Biersause für trinkfeste Kapitäne

(FOTO: Carolin Hillner) Auch das Filmteam der Löwe TV Film- und Fernsehproduktion hatte beim Videodreh zum Bierflößing-Event in Finnland sichtlich Spaß.
(FOTO: Carolin Hillner) Auch das Filmteam der Löwe TV Film- und Fernsehproduktion hatte beim Videodreh zum Bierflößing-Event in Finnland sichtlich Spaß.

Luftgitarre, Frauentragen oder Handyweitwurf…Wer glaub,  das wäre schon das Schrägste, was Finnland zu bieten hat, dem kann ich nur sagen, weit gefehlt! Denn in Helsinkis Nachbarstadt, im beschaulichen Vantaa, findet jedes Jahr ein Bier-Festival der ganz besonderen Art statt: Kaljakellunta. Was genau es mit dieser skurrilen Disziplin auf sich hat, erzähle ich euch in meinem neuen Blogpost!

Biertrinkend den Fluss hinab schippern

Den Finnen wird oft nachgesagt, dass sie immer und überall Biertrinken. Das trifft zumindest auf die Freizeitaktivität „Kaljakellunta“ zu. Jetzt werdet ihr sicher sagen, ja ja die spinnen die Finnen. Doch was einmal als „Schnaps-“ bzw. „Bieridee“ zwischen Kumpels entstand, ist heute eines der angesagtesten Lifestyle-Hangover-Events in Finnland. Pro Jahr tingeln mittlerweile rund 5.000 Menschen in Helsinkis Nachbarstadt Vantaa, um sich mit einem schwimmbaren Untersatz, vom gekauften Einhorn bis hin zum selbst zusammengezimmerten Saunafloß, den Vanta- (Vantaanjoki) oder Keravafluss (Keravanjoki) hinabtreiben zu lassen, bis sie in Helsinki, an der Küste nahe der Halbinsel Lammassaari ankommen, dabei variiert die Route von Jahr zu Jahr. Wer Lust hat, der kann im Anschluss mit noch mehr Gerstensaft und anderen Longdrinks im legendären Nachtclub mit Karaokebar „Crazy Horse“ in der Kirkonkyläntie 12 bis spät in die Nacht hinein feiern.

In diesem Jahr fand das Event übrigens bereits zum zehnten Mal statt und ist mittlerweile auch weit außerhalb der Landesgrenzen berühmt. Waren es 1997 nur rund zehn Badegäste aus dem engen Freundeskreis, so kommen heute Touristen aus aller Welt, sogar aus Amerika oder Australien nach Vantaa, um am chilligen Beer-Floating-Event teilzunehmen. Und auch andere finnische Städte wie Oulu, Jyväskylä und Savonlinna haben das freakige Event bereits adaptiert. Sogar im niederländischen Amsterdam gibt es jetzt ein ähnliches Event. Doch das Ursprungs-Event in Helsinki-Vantaa ist und bleibt das einzig wahre Kaljakellunta!

Carolin Hillner von der Leipziger LÖWE TV Film- und Fernsehproduktion im Interview

Carolin Hillner von der Löwe TV Film- und Fernsehproduktion
(FOTO: Carolin Hillner) Carolin Hillner war mit ihrem Filmteam in diesem Jahr live beim Kaljakellunta-Event dabei.

Um mehr über das skurrile Event zu erfahren, habe ich Carolin Hillner von der Leipziger LÖWE TV Film- und Fernsehproduktion interviewt. Sie konzipiert Beiträge für unterschiedliche TV-Sender und war dieses Jahr im August mit ihrem Kamerateam live beim Kaljakellunta-Spektakel dabei und hat über das Event einen unterhaltsamen Beitrag für Taff (Pro7) gedreht.


Finntastic:
Hallo Carolin, das klingt wirklich ziemlich verrückt. Aber für finnische Verhältnisse eigentlich nicht untypisch. Denn die Finnen sind für ihre schrägen Wettbewerbe und einen skurrilen Humor bekannt. Und tatsächlich wird ihnen nachgesagt, dass sie auch gerne viel Bier trinken, zum Beispiel vor und nach der Sauna. Doch was genau hat es denn jetzt mit Kaljakellunta auf sich?

Carolin:
„Kalja“ ist ein anderes finnisches Wort für „olut“, das Bier bedeutet und „kalenta“ heißt übersetzt so viel wie „sich treiben lassen“. Kaljakellunta ist kurz gesagt ein Megaevent der Extraklasse, bei dem sich tausende Leute einen ganzen Tag lang mit lustigen, selbstgebauten oder gekauften, schwimmbaren Untersätzen oder Booten den Fluss hinunter schippern lassen und dabei ihren mitgebrachten Biervorrat leermachen. Passt meiner Meinung nach perfekt zur Entspanntheit und zum entschleunigten Lebensstil der Finnen.

Finntastic:
Stimmt, das hört sich richtig schön chillig an. Und wie kamt ihr auf die Idee, ausgerechnet über diese abgefahrene, finnische Freizeitaktivität einen Beitrag zu drehen?

Carolin:
Ich habe Verwandtschaft in Finnland, die mich darauf aufmerksam gemacht hat. Weil sie wissen, dass ich immer auf der Suche nach interessanten Themen bin, haben sie mir bei einer Familienfeier von „Kaljakellunta“ erzählt und ich habe Fotos auf dem Handy gesehen. Das hat mich neugierig gemacht und ich habe einfach einmal gegoogelt, was es damit auf sich hat. Und als ich darüber gelesen habe, dachte ich mir: Das wäre doch eine witzige Geschichte, über die wir unbedingt einen Filmbeitrag drehen sollten!

Finntastic:
Ohja, mega skurrile Geschichte! Ich kannte das vorher auch noch nicht. Sonst wäre ich vielleicht schon längst einmal hingefahren, um live dabei zu sein….;) Und wie konntest Du letztendlich den Sender überzeugen, darüber einen Beitrag zu senden?

Carolin:
Ich habe das Thema dem Sender einfach vorgeschlagen und ein Foto mitgeschickt, um die Dimensionen zu zeigen. Ich glaube, das hat auch den Ausschlag gegeben. Und das Event selbst ist einfach so lustig und skurril, typisch Finnisch eben, da konnte der Sender nicht nein sagen.“ (lacht)

Finntastic:
Aber einfach war es sicherlich nicht, vor Ort eine Drehgenehmigung zu bekommen, oder? Denn das Event hat offiziell, so habe ich gehört, gar keinen Veranstalter und ist den Behörden schon länger ein Dorn im Auge. Und Finnen sind ziemlich streng, wenn es um Regeln geht und nehmen diese auch sehr ernst.

Carolin:
Im öffentlichen Raum, also auch auf Flüssen, braucht man zum Glück keine Drehgenehmigung und könnte theoretisch einfach losziehen. Aber es kann auch nicht schaden, sich bei den lokalen Behörden anzukündigen, um ein wenig Unterstützung zu bekommen, wenn man nicht ortskundig ist. Außerdem wollte ich mit Vertretern der Stadt und den Rettungsdiensten Interviews führen und das musste ich natürlich anmelden.

Alle waren sehr gesprächs- und hilfsbereit, haben mir nützliche Tipps gegeben, mich an die richtigen Ansprechpartner weiter vermittelt und sogar Witze gemacht. Eine so humorvolle Zusammenarbeit habe ich selten erlebt. Schwieriger war im Grunde die gesamte Planung des Drehs aus der Ferne. Es stand von Vornherein fest, dass es nicht reicht, das Geschehen vom Ufer aus zu filmen. Wir wollten mit unserer Reportage mittendrin im Getümmel sein und den Spirit von Kaljakellunta einfangen. Und das bedeutete: Wir brauchten ein Boot!“

Finntastic:
Au weia…Das war dann aber sicher sehr riskant. So eine Kameraausrüstung, vor allem so professionelles Filmequipment, ist doch sicher sehr teuer?

Carolin:
„Das stimmt, allein die Kameras, die wir beim Fernsehen nutzen, kosten so viel wie ein gut ausgestatteter Kleinwagen. Die sind zwar für den Außeneinsatz gebaut und können auch ein paar Tropfen Wasser ab, trotzdem war uns der Einsatz im Schlauchboot zu heikel – was, wenn wir kentern? Für den Dreh haben wir uns dann letztendlich für die abgespeckte Version entschieden, damit wir auch im Boot beweglich sind. Das heißt, wir hatten dann eine handliche Kamera, Audio-Mischer und eine Angel mit einem wuscheligen Mikrofon dabei sowie zwei Actioncams und ein paar Akkus zum wechseln im wasserdichten Packsack. In einem Ruderboot hätte die ganze Filmausrüstung eh keinen Platz gehabt.“

Finntastic:
„Und wie seid ihr an einen passenden, schwimmenden Untersatz gekommen? Ihr habt doch nicht etwa selbst ein Floß gebaut? Ich habe gehört, dass das ziemlich viele Leute für das Event machen.“

Carolin:
„Das stimmt! (lacht) Da waren wirklich abgefahrene, schwimmende Untersätze dabei! Vom Schwimmreifen, über selbst gezimmerte Grillflöße, bis hin zu Rettungsinseln für 24 Personen, wie sie auf Kreuzfahrtschiffen benutzt werden. Wir hatten natürlich nicht die Zeit, selbst eins zu bauen. Deshalb musste ein geliehenes Schlauchboot herhalten. Tatsächlich war die Organisation des Ruderbootes das schwierigste Unterfangen der gesamten Drehorganisation. Bei den Bootsverleihen, die ich kontaktiert habe, gab es nur Kajaks und Kanus zu leihen und keiner der Privatleute wollte uns sein Ruderboot zur Verfügung stellen. Später habe ich auch erfahren warum.“

Finntastic:
Das hätte ich nicht gedacht! Normalerweise sind doch die Finnen für jeden Joke zu haben.“

Carolin:
Das kann schon sein. In diesem Fall hatten wohl viele Finnen ein Problem damit, dass das Event eigentlich gar keinen Veranstalter hat und somit auch nicht ganz offiziell ist. Niemand weiß letztendlich, wer hinter der Organisation des Events und der Website steckt, denn der Termin kommt durch ein anonymes Voting über die Kaljakellunta-Website zustande und der finale Termin samt Startpunkt und Route werden auch wieder nur online über Website und Social Media Kanäle verkündet.“

Finntasic:
Das ist ja kurios! Dann kann ich schon verstehen, weshalb die Behörden dem Event eher kritisch gegenüberstehen. Immerhin erfordert die gesamte Veranstaltung auch einen hohen Sicherheitsaufwand, den in diesem Fall die Stadt tragen muss. Und am Ende müssen von der Stadt auch noch die umher liegenden Bierflaschen weggeräumt werden.“

Carolin:
„Genau, würde man einen offiziellen Organisator haben, dann könnte man ihm letztendlich auch die Kosten in Rechnung stellen. So muss für alles die Stadt aufkommen. Allerdings gibt es im Anschluss neuerdings ein Cleaning Event und die Teilnehmer achten von Vornherein mehr darauf, kaum Müll zu hinterlassen. Der Stadtingenieur Henry Westlin, mit dem ich gesprochen habe, meinte außerdem, dass Alkohol und offenes Wasser nicht zusammengehören, weil bei 50 Prozent aller Ertrunkenen in Finnland Alkohol im Spiel ist.“

Finntastic:
Der Gedanke kam mir auch sofort, als ich Wasser und Bier in einem Satz hörte. Ich dachte mir auch, oh weia, da sind bestimmt schon einige bei ertrunken…“

Carolin:
Nein, das ist zum Glück bis heute nicht der Fall und das soll was heißen, denn das Event gibt es schon seit 1997! Zudem versucht die Polizei für ein Mindestmaß an Sicherheit zu sorgen. Eine Garantie ist das natürlich nicht. Trotzdem ist wohl bis heute noch nie etwas Gravierendes passiert. Vielleicht gab es ein paar blaue Flecken, Schnittwunden und Sonnenbrand. Aber ertrunken ist noch niemand. Die Strömung des Flusses ist auch gar nicht so stark. Man schippert wirklich ganz gemächlich dahin. Und letztendlich kann die Stadt das Event auch gar nicht verbieten. Denn in Finnland gilt das Jedermannsrecht und das gilt auch auf dem Wasser.“

Finntastic:
Stimmt, davon habe ich auch gehört. Immerhin geben die Veranstalter auf der Website ein paar grundlegende Sicherheitstipps, wie: zieh deine Rettungsweste an, schütze dich mit Sonnencreme vor Sonnenbrand, trinke nicht zu viel Bier und zwischendurch genügend Wasser und hilf Deinem Nachbarn wenn nötig!

Carolin:
Haha! Ja, da haben wir sie wieder, die soziale und korrekte Ader der Finnen! Sehr sympathisch. 🙂

Finntastic:
Und wie seid ihr letztendlich dann doch an ein Boot gekommen?

Carolin:
Ich habe in der facebook-Gruppe „Deutsche in Finnland“ einen Hilferuf gepostet und gefragt, ob jemand einem Kamerateam aus Deutschland für einen Dreh ein Schlauchboot oder Ruderboot leihen kann. Und tatsächlich hat sich in letzter Minute, also wirklich drei Tage vorher, ein Deutschfinne gemeldet, der uns sein Angelschlauchboot zur Verfügung gestellt hat. Da ist mir vielleicht ein Stein vom Herzen gefallen. Denn wir hatten schon Angst, dass das ganze Projekt ohne Boot ihm wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser fällt.

Finntastic:
Und die Protagonisten Patrick und Marcel aus München mit dem Einhorn aus eurem Video, wie habt ihr die denn motiviert, am Kaljakellunta mitzumachen und sich filmen zu lassen?

Carolin:
Das war eigentlich ganz simpel. Wir haben auf der Website von „Kaljakellunta“ einen Aufruf gestartet, dass wir als deutsches Drehteam zwei Protagonisten suchen, die an dem skurrilen Event in Finnland teilnehmen und Lust haben, sich dabei filmen zu lassen. Wir haben daraufhin einige Rückmeldungen erhalten und uns letztendlich für die beiden Jungs aus München mit ihrem Einhorn entschieden.

Finntastic:
Das Einhorn habe ich im Video aber gar nicht den Fluss abwärts schippern sehen.

Carolin:
Tja, das war eben Pech. Wir haben die Münchner während des Drehs aus den Augen verloren und in der Zwischenzeit ist das Einhorn gekentert und gesunken. Wir konnten sie also auch nicht im Ziel interviewen, aber irgendwie war das Ganze dennoch eine lustige Geschichte. Die beiden Jungs haben während ihres Schiffbruchs Smartphone und Portemonnaie verloren und so mussten sie sich erst einmal bis ins Hotel durchschlagen, bevor sie uns benachrichtigen konnten. Schließlich konnten wir sie dann doch noch am Hotel interviewen. Dafür musste unser Tonmann allerdings erst einmal vom Zielort zum Auto zurücklaufen, damit wir überhaupt zurück zum Hotel der Münchner kamen. Aber zum Glück war es gar nicht so weit. Da sich der Fluss endlos hin und her schlängelt, waren es letztendlich nur ein paar Kilometer Fußmarsch zurück zum Auto.

Finntastic:
Dann ist ja nochmal alles gut gegangen. Das Video ist jedenfalls super witzig geworden! Das macht echt Lust, bei dem Event im nächsten Jahr einmal vor Ort zu sein. Habt ihr denn auch noch mit den anderen Teilnehmern im legendären „Crazy Horse“ bis spät in die Nacht gefeiert? Der Nachtclub mit Karaokebar soll anscheinend eines der angesagtesten Clubs im Helsinkier Nachleben sein?

Carolin:
Das hätten wir gern, aber wir waren einfach zu platt und mussten am nächsten Tag direkt wieder zurück fliegen. Nachdem wir abends noch zwei Stunden unterwegs waren, um unser Boot zu seinem Besitzer zurück zu bringen, haben wir uns dann aber auch ein finnisches Bier gegönnt. Tagsüber wurde uns zwar welches angeboten, aber für uns war es Arbeit und wir brauchten einen klaren Kopf.

Finntastic:
Hattet ihr denn noch ein wenig Zeit euch Helsinki anzuschauen und habt ihr auch richtig typisch finnisch gespeist? Und hast Du zum Abschluss noch einen Helsinki-Tipp für meine Leser?

Carolin:
Nach dem Dreh sind wir abends noch in die City gefahren und wollten dort typisch finnisch essen. Auf dem Wasser hatten wir von den sehr netten Teilnehmern des Kaljakellunta einige Tipps für gute finnische Küche bekommen. Doch wir hatten uns so verfranzt, dass wir uns dann mit der anderen finnischen Nationalspeise – Burger – in einem Pub begnügt haben. War auch lecker. (lacht)

Für Deine Leser habe ich auf alle Fälle noch einen Kaljakellunta-Tipp: Wer mitmacht, sollte sich einen wasserdichten Packsack zulegen, der kostet in der kleinsten Version gerade mal zehn Euro. Darin sind die Wertsachen geschützt und der Sack geht auch nicht unter, so wie bei unseren Protagonisten. Wer sich einen größeren leistet, hat am Ende sogar ein paar trockene Wechselklamotten am Ziel. Und die Profis hatten sogar zwei Boote: Eins für Proviant, Klamotten und leere Dosen und eins zum drin chillen. Beide zusammengebunden, fertig.

Finntastic:
Vielen Dank Carolin, für das coole Interview und die Kaljakellunta-Insidertipps! Vielleicht könnt ihr im nächsten Jahr einmal die Luftgitarrenweltmeisterschaft in Oulu mit eurem Filmteam begleiten. Das wäre auch eine lustige Sache. Und natürlich würde ich mich freuen, wenn ihr mir dann einmal live berichtet, wie es da so zugeht…;)

Carolin:
Das behalte ich einmal im Hinterkopf, mal sehen, wer im nächsten Jahr für Deutschland zur Luftgitarren-Weltmeisterschaft reist. Die Finnen haben so viele skurrile Events, dass es sicher nicht der letzte Dreh in Finnland gewesen ist. Dir auch vielen Dank für das finntastische Interview, weiterhin frohes Schaffen mit Deinem Finnland-Blog und bis bald.


Noch mehr Infos zum lustigen Bierflößen „Kaljakellunta“


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