Das Kalasataman Vapaakaupungin Olohuone – Ein Treffpunkt für Groß und Klein

(FOTO: SiljaFilmaa/Silja Minkinen) Im Redi-Einkaufszentrum in Kalasatama befindet sich das
(FOTO: SiljaFilmaa/Silja Minkinen) Im Redi-Einkaufszentrum in Kalasatama befindet sich das "Olohuone" (Wohnzimmer). Ein öffentlicher Treffpunkt für Groß und Klein zum chillen und Freunde treffen, Kaffee trinken oder co-worken.

Im letzten Sommer gab es auf Initiative von Jaakko Blomberg und seinem Team in Suvilahti am Helsinkier Kalasatama für zwei Monate einen urbanen Platz, wo regelmäßig Events stattfanden und man nach Lust und Laune chillen und relaxen, grillen und zusammensitzen konnten, um das schöne Wetter und den Sommer zu genießen. Wer Lust hatte, konnte sich sogar im Urban Gardening versuchen. Ich habe mit Jaakko über sein Projekt gesprochen und wollte wissen, was  es mit seinem neuesten Projekt dem „Kalasataman Vapaakaupungin Olohuone“ auf sich hat!

Interview mit Jaakko Blomberg über das etwas andere Wohnzimmer im Redi-Einkaufszentrum in Kalasatama

Kalasataman Vapaakaupungin Olohuone
(FOTO: SiljaFilmaa/Silja Minkinen) Das Olohuone – ein ubaner Platz zum chillen mitten im Herzen von Kalasatama.

Finntastic:
Hallo Jaakko, Deine Vapaakaupunki in Kalasatama im letzten Sommer war ein voller Erfolg. Erzähl mir mehr über das Projekt und was sich daraus entwickelt hat!

Jaakko:
Die Idee der Vapaakaupunki am Kalasatama war es, vor Ort einen Platz zu schaffen, wo sich Leute im Sommer treffen und Zeit miteinander verbringen können und wo jeder, der Lust hat, eigene Events veranstalten kann. Das Ganze wurde richtig gut angenommen. Fast jeden Tag gab es Musikevents und Konzerte mit einheimischen Bands und Künstlern. Zum Beispiel hat bereits Jukka Nousiainen bei uns einen Album-Release-Konzert gegeben! Und es gab auch ein schräges Wrestling-Event. Leider konnten wir die Fläche nur für zwei Monate nutzen, dann mussten unsere Vapaakaupunki leider für den VIP-Bereich des Flow-Festivals Platz machen, das jedes Jahr dort stattfindet. Das war natürlich sehr schade.

Kalasataman Vapaakaupunki 2018
(FOTO: SiljaFilmaa/Silja Minkinen) Im letzten Sommer gab es am Hafen von Kalasatama drei Monate lang die Kalasataman Vapaakaupunki – einen urbanen Platz mit Live-Musik und zahlreichen weiteren Events.

Finntastic:
Aus diesem Projekt hat sich schließlich die Idee zum „Kalasataman Vapaakaupungin Olohuone“ entwickelt. Um was für ein Projekt handelt es sich?

Jaakko:
Wir haben mitbekommen, dass das Einkaufszentrum Redi, das gerade dort gebaut worden war, einige freie Räumlichkeiten besitzt. Und so haben wir den Inhaber von Redi gefragt, ob wir das Vapaakaupunki-Projekt dort in einem der großen Räume fortführen können. Die Idee hat ihm richtig gut gefallen, denn im Grunde verbindet uns ein Wunsch: Wir wollen den Stadtteil attraktiver machen und erreichen, dass mehr Menschen in die Gegend kommen. Und so haben wir im Herbst 2018 dort unser Kalasataman Vapaakaupungin Olohuone eröffnet.

Olohuone im Redi-Einkaufszentrum in Kalasatama
(FOTO: SiljaFilmaa/Silja Minkinen) Das Olohuone (Wohnzimmer) im Redi-Einkaufszentrum in Kalasatama bietet vor allem auch Jugendlichen einen Treffpunkt.

Finntastic:
Und was bietet ihr den Menschen dort?

Jaakko:
Auch unser Olohuone, was übersetzt „Wohnzimmer“ heißt, ist im Grund einfach ein urbaner Platz, den jeder nutzen kann, nur dass es im Redi-Einkaufszentrum jetzt nicht Open-Air, also unter freiem Himmel, sondern drinnen stattfindet. Du kannst dort hinkommen, ein Buch lesen, dich mit anderen Treffen und einen Kaffee trinken oder den Platz als Co-Working Space nutzen, wenn du Lust hast. Es gibt auch wechselnde Ausstellungen und auch Events, zum Beispiel jeden Samstag Konzerte.

Neuerdings kannst du dort auch Minigolf spielen. Wir bieten auch zahlreiche Workshops für Kinder und Erwachsene an, zum Beispiel Yoga-, Koch- und Nähkurse. Die Nähmaschinen kannst du übrigens auch ohne die Teilnahme an einem Kurs einfach auf Anfrage nutzen. Künftig soll es auch eine Werkstatt geben, in der du selbst etwas bauen und auch reparieren kannst. In diesem Zusammenhang planen wir auch, unser Workshopangebot durch die Zusammenarbeit mit weiteren Partnern auszuweiten.

Yokakurs im Olohuone in Kalasatama
(FOTO: SiljaFilmaa/Silja Minkinen) Im Olohuone werden regelmäßig diverse Workshops, zum Beispiel Yoga- und Entspannungskurse, angeboten.

Finntastic:
Bei euch im Olohuone finden also regelmäßig Musikevents statt? Was für Musik wird denn so gespielt und welche Musiker sind denn bereits bei euch aufgetreten?

Jaakko:
Genau, samstags finden in der Regel bei uns im Olohuone Konzerte statt. Wir organisieren die aber nicht selbst, sondern wir stellen nur den Raum für diesen Samstagabend kostenlos zur Verfügung. Jeder, der gerne einmal ein Konzert geben möchte, kann uns dazu eine Anfrage per Mail schicken. Wir stellen für diesen Abend auch die gesamte Sound- und Lichtanlage sowie alle Möbel zur Verfügung und unser erfahrener Tontechniker kümmert sich um den Sound auch völlig umsonst.

Wir hatten auch schon einige bekannte finnische Musiker zu Gast, zum Beispiel den Cellisten, Komponisten und Produzenten Max Lilja, Gründungsmitglied der bekannten Metalband Apocalyptica, der übrigens das Genre „Cello-Rock“ entscheidend geprägt. 2011 verließ er jedoch die Band und ist heute vor allem solo unterwegs. Die Bude war an dem Abend jedenfalls wie immer rappelvoll! In Zusammenarbeit mit einer Brauerei aus dem Umkreis schenken wir außerdem ein eigenes Bier aus. Unsere Vapaakaupunki bietet vor allem jungen Bands, aber auch Bands aus dem Noise- oder Metalgenre die perfekte Location! Den bei uns stört es nicht, wenn es auch mal lauter wird!

Konzert im Olohuone in Kalasatama
(FOTO: SiljaFilmaa/Silja Minkinen) Im Olohuone in Kalasatama gibt es jeden Samstag tolle Live-Musik mit Bands und Musikern aus der Umgebung.

Finntatic:
Und was für Workshops bietet ihr im Olohuone für Kinder und Erwachsene an?

Jaakko:
Für Erwachsene sind das derzeit vor allem Yogaworkshops. Für Kinder gibt es unterschiedliche Kurse. Letztes Jahr zu Weihnachten haben wir einen Pfefferkuchenback-Kurs angeboten und gemeinsam mit den Kindern finnischen Pfefferkuchen, also finnische Piparit, gebacken. Dieses Jahr gab es am Ystävänpäivä, dem finnischen Pendant zum Valentinstag, ebenfalls einen Keksbackkurs. Und vor Ostern konnten die Kinder Weidenkätzchenzweige für Ostern schmücken, mit buntem Krepppapier und Federn, so genannte Pääsiäisvihta. Denn bei uns in Finnland hat es Tradition, dass sich an Ostern kleine Kinder als Osterhexen verkleiden und mit ihren bunt geschmückten Weidenzweigen von Tür zu Tür huschen und um kleine Gaben im Gegenzug für einen Schutzreim bitten.

Finntastic:
Im Olohuone gibt es auch das Lastenhuone, einen weiteren Raum, speziell für Familien mit Kleinkindern? Was können Eltern mit ihren Kindern dort machen?

Das Lastenhuone steht im Grunde genauso, wie das Olohuone, täglich der Öffentlichkeit zur Verfügung. Junge Eltern mit Kleinkindern können sich dort treffen, gemeinsam mit den Kindern spielen und sich austauschen. Der Gedanke dazu war, jungen Eltern, dessen Kindern noch nicht in die Krippe oder den Kindergarten gehen, einen Treffpunkt zu bieten. So sitzen sie nicht jeden Tag mit den Kleinen alleine zu Hause, sondern haben Gesellschaft. Mittlerweile wird das Angebot sehr gut angenommen. Es kommen regelmäßig viele junge Eltern mit ihren Kindern zu uns ins Olohuone, sogar aus ganz anderen Städten, wie Espoo oder Kerava.

Lastenhuone in Kalasatama
(FOTO: SiljaFilmaa/Silja Minkinen) Junge Familien mit Kleinkindern können sich im Lastenhuone (Kinderzimmer) treffen und gemeinsam Zeit verbringen.

Finntastic:
Habt ihr weitere urbane Cityprojekte für die nächste Zeit geplant, bzw. arbeitet ihr an welchen mit?

Jaakko:
Unser größtes Projekt in der nächsten Zeit wird, wie bereits erwähnt, das Urban Art Zentrum in Pasila sein. Ansonsten startet im nächsten Jahr auch das Konepaja-Projekt, für das ich mit ein paar Leuten Ideen geliefert habe. Es geht dabei um ein großes Areal mit alten Eisenbahnhallen in der Nähe von Kallio, dass der finnischen Bahn VR gehörte. Früher wurden dort Eisenbahnwagen und Lokomotiven gewartet. Vor einiger Zeit wollte die VR das Areal an einen Investor verkaufen, der dort einen Baumarkt plante. Doch dagegen hat sich die Konepaja-liike formiert.

Gemeinsam mit Antti Möller, einem Nachbarn und engagierten Politiker sowie weiteren Aktivisten haben wir eigene Vorschläge für die alternative Nutzung des Areals ausgearbeitet und an die örtliche Presse geschickt. Bei der Stadt sind rund 500 Protestschreiben eingegangen. Es gab viel negative Kritik und so hat der Investor schließlich doch keine Baugenehmigung von der Stadt erhalten. Mittlerweile ist das Areal weiterverkauft. Einer von drei Investoren ist der US-Amerikaner und ehemalige US-Botschafter von Finnland, Bruce Oreck. Er hält den größten Anteil der Hallen. Geplant ist, die Hallen zu einem Platz der Kultur und Begegnung, einem Kreativzentrum zu machen, mit zahlreichen Restaurants, kleinen Läden, Galerien und Ateliers sowie Räumlichkeiten für Events. Projektbeginn ist im nächsten Jahr.

Uns schwebt dort übrigens ein ähnlicher Urban Space, wie das Kalasataman Vapaakaupungin Olohuone, vor und wir hoffen, dass wir das gemeinsam mit Oreck und den anderen Investoren realisieren können. Außerdem wird im Frühling ganz in der Nähe in der Aleksis Kiven Katu ein Hotel gebaut. Es handelt sich dabei aber nicht um eine Kette, sondern es soll ein ganz individuell geführtes kleines Hotel werden, wie es ausschaut, wohl das erste Indie-Hotel in ganz Helsinki. Vielleicht ergibt sich damit auch eine nette Kooperation.

Konepaja Areal in Helsinki
(FOTO: Jaakko Blomberg) Die alten Eisenbahnhallen in der Nähe von Kallio sollen künftig zu einem Zentrum für Kunst, Kultur und urbanes Leben werden.

Finntastic:
Lieber Jaakko, vielen Dank erneut für das spannende Interview und den Einblick in Deine aktuellen Projekte. Und wenn ich das nächste Mal in Helsinki bin, schaue ich ganz sicher mal bei euch im Olohuone vorbei!

Jaakko:
Dir auch lieben Dank! Und bis hoffentlich bald in Helsinki, Es wäre toll, Dir alles mal vor Ort zeigen zu können!


Über Jaakko Blomberg

Jaakko Blomberg
(FOTO: Jaakko Blomberg) Jaakko Blomberg bringt mit seiner Organisation Helsinki Urban Art nicht nur Projekte wie das „Olohuone“, sondern auch Street Art und Graffiti in Finnlands Hauptstadt.

Jaakko Blomberg stammt aus Kajaani in Nordfinnland. Seine Mutter arbeitete als Schuldirektorin, sein Vater als Forstwirt. Auch wenn Jaakko die unberührte Natur und den Wald liebt, konnte sein Vater ihn jedoch nicht dazu überreden, in seine Fußstapfen zu treten. Jaakko interessierte sich schon früh mehr für Menschen und ihre Kultur. Und so studierte er Ethnologie, Geschichte und Archäologie, Literatur- Religions- und Musikwissenschaften sowie Kunstgeschichte in Helsinki, Jyväskylä und in Berlin.

Für das Kultuuritalo in Kallio organisierte er bereits zahlreiche Events und Ausstellungen. Doch auf Dauer waren ihm die traditionellen Veranstaltungsformen, wo sich Kulturproduzenten und Kulturkonsumenten gegenüberstehen, zu monoton. Er wollte einfach mehr Leben in Helsinkis urbane Stadtkultur bringen und gleichzeitig mehr junge Menschen sowie andere Bewohner dazu motivieren, sich intensiver für ihre Stadt zu engagieren. Und so begann er gemeinsam mit anderen Stadtmachern und Aktivisten vor sechs Jahren damit, kreative, urbane Cityprojekte in Helsinki zu realisieren.

Mittlerweile gehören sowohl die Stadt Helsinki und das Stadtmarketing Visit Helsinki zu seinen Unterstützern als auch  zahlreiche Privatsponsoren. Jaakko ist außerdem weltweit mit anderen Stadtmachern vernetzt und hat bereits auf zahlreichen urbanen Citmaking-Events, wie in Riga, Rom, Amsterdam oder Valletta seine Projekte vorgestellt. Im Netzwerk „Cities in Transition“, ein Netzwerk für Stadtmacher und Aktivisten in ganz Europa, das in den Niederlanden gegründet wurde, repräsentiert er mit seinen Ideen derzeit Finnland. Zudem ist er weltweit unterwegs, um andere Menschen von seinen Ideen zu begeistern sowie Leute in anderen Städten dazu zu motivieren, sich selbst mehr für ihre Stadt zu engagieren und hält dazu Lesungen, Vorträge und Workshops zum Thema Stadtaktivismus.

Mehr über Jaako Blombergs aktuelle und künftige Projeke unter www.jaakkoblomberg.fi sowie auf www.vapaakaupunki.fi.


—> Interview Teil 1: Helsinki Urban Art – Finnlands Hauptstadt bekommt einen Farbanstrich


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