Mitten in der Corona-Pandemie packte Enrico Düwel seine Koffer für einen Neuanfang in Finnland. Heute lebt der deutsche Auswanderer im südfinnischen Kouvola. Er spricht fließend Finnisch, steht kurz vor seinem Bachelorabschluss in „International Business“ und fühlt sich angekommen. Drei Faktoren überzeugten ihn zu bleiben: die typisch finnische Gelassenheit, ein Studium, das Theorie und Praxis verbindet, und die Natur, die ihm direkt vor der Haustür den nötigen Ausgleich zu Uni und Job bietet. Sein Weg zeigt: Manchmal muss man einfach mutig sein, um den eigenen Platz im Leben zu finden.
Finntastic:
Hallo Enrico. Schön, dass Du Dir Zeit für ein Interview nimmst. Wo und seit wann lebst Du in Finnland. Was hat Dich dazu bewegt, nach Finnland auszuwandern?
Enrico:
Moi, ich freue mich sehr, euch meine Auswanderergeschichte erzählen zu dürfen. Ich lebe seit gut fünf Jahren in Kouvola, einer schönen, kleinen Stadt im Süden Finnlands. Finnland stand früher tatsächlich nie ganz oben auf meiner Reise-Wunschliste. Wie viele andere hatte auch ich Klischees im Kopf: dunkle, kalte Winter und schweigsame Menschen. Mich zog es eher nach Großbritannien oder Südeuropa. Doch dann kam alles anders: Mitten in der Coronazeit im Herbst 2020 bin ich hierher ausgewandert. Früher hätte ich jeden für verrückt erklärt, der in den hohen Norden auswandert, heute lebe ich hier und finde es verdammt gut.
Finntastic:
Und wie hast Du Finnland während der Coronazeit erlebt?
Enrico:
Während ich mich hier eingewöhnt habe, habe ich natürlich auch die Nachrichten aus Deutschland weiterhin verfolgt und mit meiner Familie und Freunden über die Situation gesprochen. Hier verlief alles normal, als wäre nichts passiert. Die Leute halten von Natur aus schon Abstand voneinander und alles war hier fest geregelt. Ich habe hier auch meine Impfungen erhalten und ich denke, dass hier generell alles smoother abgelaufen ist.
Finntastic:
Was war für Dich die größte kulturelle Überraschung oder Herausforderung zu Beginn?
Enrico:
Zum Glück kam ich ohne gewisse Klischees hierher und konnte mir so ein eigenes Bild von Land und Leuten machen. Den Stereotyp vom schweigsamen Finnen kann ich übrigens nicht bestätigen. Auch kulturell sind die Unterschiede zu Deutschland kleiner als gedacht. Eiskalt erwischt hat mich wortwörtlich eher der finnische Winter: Minus 30 Grad sind eine ganz andere Hausnummer als deutsche Kälte! Auch die hohen Preise waren ein Schock. Was mir auch sehr fehlt, ist mein geliebtes Weizenmischbrot. Das gibt es hier nicht. In Finnland wird überwiegend mit Roggenmehl Brot gebacken. Bäckereien, die Kuchen und süße Plunderteilchen anbieten, sucht man hier vergeblich. Süßes Gebäck gibt es meist nur als Massenwaren im Supermarkt oder dann hausgebacken in den kleinen Cafés und Konditoreien.
Anfangs stellte auch die Sprache eine Hürde dar: Auf mein „Puhutko englantia?“ (Sprichst Du Englisch) kam oft nur ein zögerliches „Vähän vain“ (Ein Bisschen). Doch die Finnen sprechen in der Regel viel besser Englisch, als ihre Bescheidenheit vermuten lässt. Ich schätze diese Zurückhaltung sehr. Sie passt zu einem Land, in dem Worte oft weniger zählen als die Stille dazwischen. Auch das Thema Privatsphäre wird entspannter gehandelt: Niemand liest beispielsweise im Bus oder in der U-Bahn aus Neugier auf Deinem Handy mit. Eine Zurückhaltung, die im Gegenzug aber auch von Dir erwartet wird.
Finntastic:
Und bist Du anfangs auch in das eine oder andere Fettnäpfchen getreten?

Enrico:
Klar, besonders in der Kommunikation. Ein „Nein“ wird hier einfach akzeptiert. Niemand muss sich dafür rechtfertigen. Auch im Job ticken die Uhren anders: Die Finnen haben die Ruhe weg. Pausen und Urlaubszeiten sind absolut heilig. In dieser Zeit ist niemand für Jobthemen erreichbar. Und während wir Deutschen oft alles zerdenken und bis ins Detail durchplanen, legen die Finnen einfach los. Pläne ändern sich ohnehin nochmal. Das ist finnische Logik. Allerdings kann es schon einmal länger dauern, bis du eine Antworten erhältst. Dafür genießt du als Arbeitnehmer viel Vertrauen und Eigenverantwortung. Feedback gibt es selten, aber solange niemand meckert, machst du alles richtig.
Finntastic:
Die finnische Mentalität und das finnische Sisu haben also mittlerweile auf Dich abgefärbt?
Enrico:
Sozusagen…Meine finnischen Freunde meinen jedenfalls, ich ticke schon fast 50 Prozent finnisch. (lacht) Meine Vorliebe für deutsche Planungslust werde ich mir dennoch nicht nehmen lassen. Ein echter Saunafan werde ich wohl auch nicht mehr. Mein Kreislauf mag das gar nicht. Aber als Nicht-Finne ist das zum Glück völlig okay. Ich schätze die entspannte finnische Arbeitsweise mittlerweile sehr. Anfangs fiel es mir schwer, ohne Druck zu arbeiten, aber die Gelassenheit überträgt sich mit der Zeit. Heute nehme ich vieles lockerer. Das tut mir richtig gut.
Finntastic:
Was begeistert Dich besonders an der Stadt Kouvola und der Region Kymenlaakso?
Enrico:
Ich lebe nun schon eine ganze Weile in Kouvola und habe die Stadt richtig liebgewonnen. Zugegeben, auf den ersten Blick wirkt sie wie eine Zeitkapsel mit ihrer brutalistischen Architektur und dem 80er-Jahre-Style der Menschen. Doch je länger ich hier bin, desto mehr schätze ich die Unterschiede zu meinem alten Wohnort Halle. Die Weite, die unberührte Natur, die sympathische Offenheit der Menschen und die Ruhe machen die Stadt Kouvola und die Region Kymenlaakso für mich besonders.
Klar ist es schade, wenn so Lieblingsläden wie der Tiger-Kopenhagenshop im Venturi-Shoppingcenter schließen. Dafür habe ich die Natur direkt vor der Haustür. In Deutschland gibt es zwar auch schöne Wälder und Seen, aber hier hat alles einfach etwas Magisches! Ich liebe die Stille der Wälder, das Vogelzwitschern und auch das geheimnisvolle Rascheln abends im Dunkeln, als würde gleich etwas Wildes aus dem Gebüsch herausspringen.
In Berlin oder Rostock stresst mich das Gedränge, besonders in der U-Bahn – mein „Personal Space“ ist mir wichtig geworden. Seit ich hier lebe, bin ich außerdem viel minimalistischer. Statt Luxus und einer Drei-Zimmer-Wohnung reicht mir heute meine winzige Einraumwohnung. Ich kaufe weniger unnützes Zeug und bin damit super zufrieden.

Finntastic:
Welche ganz persönlichen Reisetipps hast Du für eine Reise in die Stadt und die Region?
Enrico:
Die Region Kymenlaakso ist ein echtes Natur- und Outdoor-Paradies und berühmt für ihre zahlreichen Sommerhäuschen. Nationalparks wie der Repovesi- oder der Valkmosa-Nationalpark laden zum Wandern und Klettern ein, der Kymijoki zum Baden, Paddeln und Angeln. Überall gibt es auch kleine Grillplätze. Dank des Jedermannsrechts kann man im Spätsommer überall Beeren sammeln. Auch Pfifferlinge werden hier echt groß und sind super lecker. Die Mücken können allerdings zu der Zeit etwas nerven, aber das gehört zum echten Finnland-Feeling dazu. Kouvola ist außerdem super an die Hauptstadtregion Helsinki angebunden: stündlich pendeln Züge dorthin, aber auch nach Lahti oder nach Kotka ans Meer. In Kotka gibt es auch ein tolles Meeresaquarium und man kann toll am Meer entlang flanieren.
Für Familien sind der Vergnügungspark Tykkimäki und der Tykkimäkki-Aquapark am Käyrälampi-See ein echtes Highlight. Historisch Interessierte sollten sich das UNESCO-Weltkulturerbe Verla anschauen: Die ehemalige Papierfabrik samt Arbeitersiedlungen ist fast noch im Originalzustand erhalten. Es gibt schöne Naturpfade drumherum und im neuen Restaurant Patruunan Pytinki auf dem Museumsgelände kann man seit letzten Sommer exzellent essen gehen. Architektur-Fans finden in der Region übrigens auch die höchste Dichte an Alvar-Aalto-Bauten, wie die Schule in Anjalakoski. Ein Erlebnis für Kinder ist das Jugendferiendorf Ankkapurha: Hier können Schulklassen verkleidet in alten Kostümen erleben, wie der Schulunterricht im 19. Jahrhunderts ablief. Es gibt dort auch ein schönes Café, eine Kunstgalerie und entlang der Stromschnellen kann man auch gut wandern.
Kouvola selbst wird oft als „Betonstadt“ verspottet – meist von Leuten, die noch nie hier waren. Dabei gibt es im Sommer mitten im Zentrum einen lebendigen Wochenmarkt, wo man lokale Spezialitäten entdecken kann. Es gibt auch viele tolle Museen wie die Poikilo-Museen, also das Stadtmuseum und das Kunstmuseum im Kouvola-Haus. Lokale Kunst wird zudem regelmäßig im Pop-up-Store im Venturi ausgestellt. Im Kuusankoski-Talo im Stadtteil Kuusankoski finden regelmäßig Theateraufführungen und Konzerte statt. Tarja Turunen, die ehemalige Nightwish-Sängerin, hat dort im vergangenen Dezember ein Weihnachtskonzert gegeben. Ihr seht: Die Region Kymenlaakso und die Stadt Kouvola haben eine Menge zu bieten!
Finntastic:
Erzähl uns doch auch ein bisschen mehr über Deinen Studienort Kouvola – wie ist es, dort zu studieren?
Enrico:
In Kouvola gibt es zwei Hochschulen: die Fachhochschule Südostfinnland (XAMK) und die Technische Universität Lappeenranta (LUT). Der Campus der XAMK, an der ich studiere, befindet sich in einer renovierten russischen Kaserne und liegt sehr zentral. Die XAMK hat außerdem Standorte in Kotka, Savonlinna und Mikkeli. Kouvola entwickelt sich derzeit zum Food-Cluster weiter, weshalb der Fokus Studienschwerpunkt neben Design wie Gamedesign vor allem auf Food-Design, Lebensmittelproduktion und -logistik liegt. Die LUT-Universität bietet hierzu auch spannende Masterstudiengänge an.
Ich mache derzeit meinen Bachelor in „International Business“. Ursprünglich wollte ich Gamedesign in Kouvola oder Industriedesign in Lahti studieren, aber meine Portfolios waren anscheinend nicht überzeugend genug. Doch letztendlich ergänzt das Wirtschaftsstudium meine Ausbildung zum IT-Systemkaufmann ideal und schärft so mein berufliches Profil. Als Student lebt es sich hier in Kouvola übrigens ziemlich gut. Die Mieten sind günstig, obwohl ich zugeben muss, dass das Angebot an studentischen Treffpunkten wie Cafés noch nicht mit deutschen Unistädten mithalten kann.

Finntastic:
Wie gefällt Dir Dein Studium an der XAMK? Sind die Vorlesungen auf Finnisch?
Enrico:
Nein, mein Studium läuft auf Englisch und ist super praxisnah und weniger theoretisch als an der Aalto-Universität in Helsinki, was mir sehr entgegen kommt. Es gibt den Studiengang aber auch nochmal auf Finnisch. Dank meiner IT-Ausbildung fallen mir viele Inhalte leicht. Besonders gut haben mir die zwei Pflichtpraktika gefallen, die ich beide beim „International House of Kouvola“, also der Immigrationshilfe der Stadt Kouvola, absolviert habe. Im ersten Praktikum habe ich Konzepte zur Bindung internationaler Studierender für den Hochschulstandort Kouvola entwickelt und im zweiten Praktikum war ich Mentor und Ansprechpartner für fünf andere Praktikanten und ich habe Content für das Stadtmarketing produziert, um die schönen Naturpfade rund um Kouvola vorzustellen.
Finntastic:
Du bist außerdem Tutor für Erstlinge.
Enrico:
Ja genau, als Tutor unterstütze ich neue Studierenden dabei, sich im Alltag und auf dem Campus einzuleben. Besonders asiatischen Neuzugängen bringe ich die finnische Kultur näher, da es da doch einige Kulturunterschiede zur finnischen gibt. Ich unterstütze neue internationale Studierende bei Behördengängen, sei es bei der DVV-Registrierung, also der Anmeldung im Datenverarbeitungssystem der Universität oder bei Fragen rund um die Aufenthaltsgenehmigung bei Migri. Und ich gebe Tipps für Bewerbungen und Lebenslauf. Mein wichtigster Rat an alle: Lernt Finnisch! Finnen schätzen diesen Einsatz und er ist gleichzeitig die Basis für Studium und Karriere in Finnland.
Finntastic:
Wahnsinn, da bist Du ja sehr engagiert. Für Dein Engagement bist Du sogar schon ausgezeichnet worden. Wie war es für Dich, eine solche Auszeichnung zu erhalten?
Enrico:
Ja genau! Während meines Praktikums wurde ich von der Stadt Kouvola völlig überraschend für mein Engagement als Einwanderungshelfer ausgezeichnet. In Finnland wird Engagement offensichtlich viel mehr wertgeschätzt als in Deutschland, wo vieles, was du für deine Arbeit tust, oft als selbstverständlich angesehen wird. Eine schöne Erfahrung!
Allerding hätte ich mir für die Verleihung doch gerne eine Dankesrede zurechtgelegt. Trotz meiner Erfahrung als Kommunikationstrainer war ich plötzlich nervös wie zu Abizeiten. Spontan in einer Fremdsprache vor so viel Publikum zu sprechen, war doch eine Herausforderung! Zum Glück war das Licht gedimmt, sonst hätte man mein knallrotes Gesicht gesehen (lacht). Ich habe mich einfach kurz gefasst, was offensichtlich gut ankam. Die Moderatorin meinte nur grinsend: „Schön, Humor hat der Junge auch noch!“

Finntastic:
War es für Dich eigentlich schwer Finnisch zu lernen? Konntest Du schon etwas Finnisch, bevor Du nach Finnland gegangen bist?
Enrico:
Ich glaube in der Tat, es war ein Fehler, im Vorfeld Finnisch im Selbststudium zu lernen. Ohne die Unterstützung eines Muttersprachlers oder Sprachlehrers ist die Struktur und Grammatik der finnischen Sprache nur schwer zu durchschauen. Abgesehen von der engen Verwandtschaft zum Estnischen und einer wesentlich distanzierteren Verbindung zum Ungarischen lassen sich kaum Anknüpfungspunkte zu anderen europäischen Sprachen finden. Eine Ausnahme bilden hier nur die Lehnwörter. Die Aussprache dagegen ist simpel: Man spricht alles so aus, wie man es schreibt, Doppelvokale oder -konsonanten inklusive.
Anfangs wollte mir das Arbeitsamt einen Intensivkurs aufs Auge drücken. Zum Glück habe ich einen Job gefunden und konnte mich so davor drücken. Doch ich wollte trotzdem die Sprache lernen. Über die Website der Stadt Kouvola habe ich die Abendschule „Kouvolan Iltalukio“ entdeckt, die auch Sprachkurse für Erwachsene anbietet. Für nur rund 30 Euro pro Semester hatte ich zweimal die Woche 90 Minuten Unterricht und habe so das Sprachniveau B1 erreicht. Dass Finnisch extrem schwer sein soll, finde ich übrigens nicht: Die Sprache ist sehr logisch. Mit gutem Unterricht und Praxis kommt der Rest von ganz allein.
Mein Problem ist eher, dass ich mir die Vokabeln schlecht merken kann. Je älter ich werde, desto mehr Eselsbrücken brauche. Hier helfen mir Kinderbücher mit einfachen Sätzen und Illustrationen. Gerade habe ich mir zudem den Sammelband „Harry Potter“ auf Finnisch geholt – da ich die Bücher bereits auf Deutsch gelesen habe. Mein nächstes Ziel ist es dann, der „Der Herr der Ringe“ zu lesen. Das wird noch einmal eine Herausforderung, weil die Bände schon auf Deutsch nicht einfach zu lesen sind.
Der Kouvola-Dialekt ist übrigens einer der einsteigerfreundlichsten in ganz Finnland! Wer die Sprache lernen möchte, ist hier genau richtig, denn man versteht die Leute wesentlich besser als im krassen Slang von Helsinki, Tampere oder Savo!
Finntastic:
Welche Tipps hast Du für Neuankömmlingen, damit sie sich in Finnland, im Studium und im Alltag zurechtzufinden? Gibt es etwas, dass Du heute anders machen würdest?
Enrico:
Definitiv! Ich bin damals ziemlich planlos hergezogen – heute würde ich das anders machen. Mein Rat: Spart genug Geld an, denn wenn ihr weder einen Job noch ein Studium vorweisen könnt, müsst ihr eure Finanzen nachweisen. Wer nicht aus der EU kommt, braucht rechtzeitig ein Visum. Zwar sprechen alle Finnen gut Englisch, aber für den Job ist Finnisch obligatorisch. In Helsinki kommt man vielleicht so durch, aber die Landessprache ist der Schlüssel, um wirklich Anschluss zu finden. Ich verstehe nicht, wie so manche Auswanderer hier jahrelang ohne Sprachkenntnisse leben können.
Und was auch wichtig ist: Macht euch vorab klar, ob die Mentalität des Landes wirklich zu euch passt? Könnt ihr euch hier einleben oder gibt es Dinge, die für euch nicht in Frage kommen. Und stellt euch auf echte Jahreszeiten ein: Die Winter in Finnland sind extrem dunkel, kalt und voller Schnee. Wer die Sonne liebt, ist hier falsch. Das fehlende Licht kann auch mal auf die Stimmung schlagen, das ist aber völlig normal und geht vorbei.
Auch das Gesundheitssystem ist hier anders organisiert als in Deutschland: Es gibt kaum Hausärzte, stattdessen geht man direkt ins Gesundheitszentrum oder ins Krankenhaus. Als Privatpatient sollte man genau prüfen, welche Leistungen extra kosten. Und auch bei der Kinderbetreuung gibt es oft versteckte Kosten, über die man sich vorher schlau machen sollte.
Ein absoluter Gamechanger ist übrigens mein Auto. Diese Freiheit ist hier Gold wert! Mein Tipp: Macht den Führerschein bevor ihr auswandert! Außerhalb der großen Städte sind die Wege in Finnland weit. Statt einer Stunde mit dem Bus brauche ich in Kouvola jetzt mit dem Auto nur noch zehn Minuten in die Stadt. Auch das Einkaufen geht so viel entspannter.

Finntastic:
Was war denn Dein bislang schönsten Finnlanderlebnis?
Enrico:
Ehrlich gesagt passiert hier jeden Tag etwas Schönes. Während wir Deutschen oft pessimistisch sind, bleiben die Finnen Dank ihres „Sisu“ Optimisten. Das versuche ich mir abzuschauen. Ich habe hier schon viele Glücksmomente erlebt: Beim Schlittenfahren zum Beispiel, als ich mit meiner Pulka beim Rodeln im Tiefschnee stecken geblieben bin, weil ich etwas zu schwer war. Aber dafür hat es dann für einen Schnee-Engel gereicht. Manchmal muss man einfach das Kind in sich rauslassen. In Finnland wirst du dafür nicht wie oft in Deutschland komisch angesehen: Die Finnen freuen sich, wenn du Spaß hast. Ich liebe zudem die weißen Nächte im Sommer, weil ich da lange draußen sein kann, auch wenn sie zu Beginn stets meinen Schlaf-Wach-Rhythmus durcheinanderbringen.
Finntastic:
Vermisst Du hin und wieder auch Deine Heimat Deutschland?
Enrico:
Ehrlich gesagt vermisse ich Deutschland kaum. Natürlich fehlen mir Familie und Freunde, aber per Videocall halten wir super Kontakt. Das Einzige, was mir echt fehlt, ist wie gesagt mein geliebtes Weizenmischbrot. Das nehme ich nach Besuchen in Deutschland immer im Koffer mit nach Finnland! Ansonsten fürchte ich mich eher davor, wieder zurück nach Deutschland zu müssen. Ich hasse diese Menschenmengen in deutschen Städten.
Was ich in Deutschland außerdem vermisse, ist dieses Sicherheitsgefühl, das ich in Kouvola habe. In Berlin hätte ich nachts Angst durch die Straßen zu laufen. Hier muss ich nicht fürchten, dass mir jemand auflauert, aus dem Busch springt und mich überfällt. Mich schockieren auch die Obdachlosigkeit und das Elend in deutschen Großstädten. Und natürlich gibt es auch hier Betrunkene, Idioten oder zwielichtige Ecken. In Finnland greift die Polizei aber konsequenter durch und genießt dadurch auch mehr Respekt in der Bevölkerung. Unser Alltag basiert auch insgesamt mehr auf Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung – ein Zusammenhalt, der meiner Erfahrung nach selbst die Gemeinschaft in deutschen Dörfern übertrifft und wohl historisch gewachsen ist.
Finntastic:
Wie stellst Du Dir Deine berufliche Zukunft in Finnland vor? Vielleicht irgendwann sogar mit finnischem Pass in der Tasche?
Enrico:
Tatsächlich überlege ich, die finnische Staatsbürgerschaft zu beantragen, da ich mich in Kouvola zu Hause und wertgeschätzt fühle. Trotz der aktuellen Weltlage bin ich optimistisch und träume sogar von einem eigenen Mökki. Aktuell verbessere ich mein Finnisch für den YKI-Test, den man für die Einbürgerung braucht. Aber der Fokus liegt natürlich erst einmal auf dem Studienabschluss und der Jobsuche. Als EU-Bürger habe ich zum Glück keinen Zeitdruck.
Beruflich ziehe ich Human-Ressource-Management, Mentoring und Training dem Digitalen Marketing vor. Marketing ist ein echtes „Haifischbecken“. Nach fünf Jahren in der Branche bist du ausgebrannt. Mein Ziel ist es, ein Job in Kouvola, Lahti oder Tampere zu bekommen. Helsinki ist mir einfach zu hektisch. Allerdings sind in Finnland befristete Verträge eher die Regel, besonders bei Kommunen. Man wird oft projektbezogen eingestellt und muss sich dann nach Abschluss wieder jobtechnisch neu orientieren. Ich bevorzuge jedoch langfristige Sicherheit. Aktuell gibt mir mein unbefristeter Job als Reinigungskraft diese Stabilität. Dennoch bleibt es mein langfristiges Ziel, wieder in meinem Berufsfeld Fuß zu fassen. Die politische Situation macht die Jobplanung momentan allerdings etwas schwierig. Aber im nächstes Jahr sind Wahlen. Ich bleibe somit optimistisch, ganz wie die Finnen.
Finntastic:
Und was wünschst Du Dir für die Zukunft Deiner neue Heimat Kouvola?
Enrico:
Ich wünsche mir, dass die Stadt nicht vergisst, dass sie nicht nur für Investoren, sondern auch für die Menschen vor Ort attraktiv bleiben muss. Wenn Kulturorte wie der Rataklubi für Datencenter weichen müssen, verliert Kouvola seine kulturelle Vielfalt – ein Schicksal, das man aus deutschen Städten wie Halle kennt. Solche Datenzentren schaffen kaum Jobs, fressen enorm viel Energie und heizen die Region, die mit 35 Grad Durchschnittstemperatur bereits zu den wärmsten Finnlands gehört, noch weiter auf. Wirtschaft und Kultur müssen im Einklang stehen, sonst bleibt am Ende nur eine leere, automatisierte Infrastruktur. Und wer will schon an so einem Ort leben?
Finntastic:
Ein starkes Schlusswort! Danke für das spannende Interview und bis zum nächsten Besuch in Kouvola!
Über Enrico Düwel

Enrico Düwel, gebürtig aus Rostock, lebt seit fünf Jahren in Südfinnland, in der Region Kymenlaakso. Dort absolviert er in Kouvola an der Fachhochschule Südostfinnland (XAMK) aktuell seinen Bachelor in „International Business“. Für sein Engagement für die Stadt und Region wurde er bereits von der Stadt Kouvola mit dem Einwanderungspreis des Jahres (Vuoden maahanmuuttajateko) ausgezeichnet

