Im Februar diesen Jahres verwandelte sich der StadtRAUMfrankfurt im Gallusviertel in einen Klangraum zweier indigener Kulturen: Unter dem Titel „Musik der Samen und Ainu“ erfuhren die Gäste mehr über die Kultur und Musik der Samen sowie der Ainu in Japan. Zwei indigene Gemeinschaften, die trotz jahrhundertelanger Unterdrückung heute selbstbewusst für ihre Identität einstehen. Die Gäste hörten samische Joik-Melodien, die sie in die Weiten der Tundra und in die Wälder des Nordens entführten, während Ainu-Klänge die Atmosphäre der japanischen Insel Hokkaido lebendig werden ließen. Zu diesem Gesprächsabend hatte das Amt für multikulturelle Angelegenheiten der Stadt Frankfurt im Rahmen der Gesprächsreihe „Musiken der Welt“ eingeladen.
Zu Gast waren im Rahmen der Gesprächsreihe „Musiken der Welt“ des Amtes für Multikulturelle Angelegenheiten der Stadt Frankfurt die Musikethnologin, Radiojournalistin und Regisseurin des Films Beyond Tradition – Kraft der Naturstimmen, Dr. Lea Hagmann von der Universität Bern, sowie die in Frankfurt lebende und auf Hokkaido geborene Musikerin Akiko Takahashi. Im Zentrum des Abends stand die Frage, wie Musik zum Überleben einer Kultur beitragen kann. Aus dieser Frage entwickelte sich im Laufe des Abends ein faszinierendes Gespräch über die Bedeutung und Kraft von Musik, insbesondere für indigene Gemeinschaften.
Die Samen: Leben im Einklang mit der Natur
Sápmi oder Same-Ätnam (deutsch: Land der Samen), so nennen die Samen ihr Siedlungsgebiet. Es erstreckt sich über Nordnorwegen (Finnmark), Teile Schwedens und Finnlands sowie die russische Kola-Halbinsel und ist fast siebenmal so groß wie die Schweiz. Heute leben dort etwa 80.000 Samen, davon halten rund 10.000 Rentiere. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass die Vorfahren der Samen vor 7.000 bis 10.000 Jahren aus Asien einwanderten, nachdem sich die Gletscher zurückzogen. Die Samen sind das einzige indigene Volk Nordeuropas und lebten traditionell, je nach Siedlungsgebiet, als Jäger, Sammler und/oder Fischer im völligen Einklang mit der Natur, stets im Rhythmus der acht samischen Jahreszeiten.
Mit der Zeit begannen sie, Rentiere nicht nur zu jagen, sondern auch zu zähmen. Sie nutzten die Tiere als Last- und Transporttiere, etwa um Schlitten im Winter zu ziehen. Noch heute folgen einige wenige Samen als Rentiernomaden ganzjährig den halbwilden Herden durch die Tundra Sápmis, Milch, Fleisch und Fett der Rentiere dienen ihnen als Nahrung, aus den Fellen fertigen sie warme Kleidung und Schuhe. Der Großteil der Samen führt allerdings ein eher modernes Leben in den Städten. Die meisten Samen haben ganz normale Berufen. Nur ein kleiner Teil führt parallel die Tradition der Rentierzucht weiter.
Unterdrückung und Widerstand: Der Kampf der Samen um ihre Identität
Die Geschichte der Samen beruht nicht nur auf Mythen und Geschichten über die Natur, sondern ist auch durch Leid und Unterdrückung und einen ungebrochenen Widerstand geprägt. Vor allem im 19. und 20. Jahrhundert setzten die Nationalstaaten Norwegen, Schweden, Finnland und Russland eine systematische Politik der Repression und Assimilation gegenüber die Samen durch, um die indigene Kultur zu unterdrücken. Die lutherischen Staatskirchen unterstützten die Repressionspolitik, indem sie samische Traditionen als sündig, rückständig und unzivilisiert diffamierten und brandmarkten. Samische Kinder wurden in Internate gesteckt, in denen sie systematisch ihrer indigenen Kultur und Identität entfremdet wurden. Man verbot ihnen ihre Sprache, ihren Gesang (den Joik), ihre Traditionen und schamanische Religion.
Stattdessen mussten die Samen die Sprache und Lebensweise des jeweiligen Landes und der dortigen Mehrheitsgesellschaft annehmen. Der Joik, der traditionelle Gesang der Samen konnte nur noch heimlich im Verborgenen ausgeübt werden. Viele junge Samen müssen den Joik heute deshalb erst wieder erlernen, da die natürliche Weitergabe dieser Gesangstechnik von Generation zu Generation gewaltsam unterbrochen wurde.
Ähnlich ist es mit dem schamanischen Wissen der Noaiden (samischen Schamanen) und der Bedeutung der Trommel für schamanische Rituale. Die zunehmende Industrialisierung, die Holzwirtschaft und der Bergbau zerstörten nach und nach die natürliche Lebensgrundlage der Samen. Auch schränkten die Nationalstaaten den Samen den Zugang zu ihren Rentierweiden und Fischereigründen ein – Land, das sie seit Jahrhunderten bewohnten und nutzten. Dadurch verloren viele Samen ihre Existenzgrundlage und wurden zur Aufgabe ihrer nomadischen Lebensweise gezwungen. Die Folgen dieser Assimilationspolitik sind bis heute spürbar. Der Film „Das Mädchen aus dem Norden“ (Sameblod) erzählt von dieser Assimilationspolitik und dem Leid der Samen in Schweden.
Der Joik: Ausdruck von Kultur, Identität und Spiritualität
Für die Samen ist die Landschaft im hohen Norden nicht nur Lebensraum, sondern heilig. Mit dem Joik drücken die Samen ihre spirituelle Verbundenheit mit ihrer Heimat Sápmi, der Landschaft, der Natur sowie den Tieren und Pflanzen aus. Nach samischer Auffassung der Samen hat alles eine Seele. Eine Vorstellung, die bis heute ihre Mythologie und Musik prägt. Der Joik, der traditionelle Kehlgesang, ist kein Lied über etwas, sondern ein Klangporträt, das das Wesen des Gejoikten repräsentiert. Das kann ein Mensch, ein Tier, ein Ort, eine Stimmung oder ein Gefühl sein.
Mal klingt der Joik rau und energisch wie Wolfsgeheul, mal zart und leise wie das Flüstern des Windes oder eine herabwirbelnde Schneeflocke im winterlichen Fjell. Wer joikt, spürt die Weite der Tundra, das Knirschen des Schnees unter Rentierhufen oder hört das Echo der Berge. Grundsätzlich gilt: Der Joiker selbst wird zum Gejoikten. Wenn ein Same beispielsweise den Wolf joikt, dann joikt er nicht über den Wolf, sondern wird durch das Joiken quasi spirituell und emotional zum Wolf.
Der Joik verbindet die Samen außerdem spirituell mit ihren Ahnen. Ein Joik kann auch eine Wertschätzung für eine Person ausdrücken. Viele Samen erhalten als Kind einen Dovgna (Kinderjoik) und später einen Erwachsenenjoik. Solch ein Personenjoik spiegelt die Persönlichkeit und den Charakter der jeweiligen Person wider. Er gehört übrigens nicht dem Erschaffer des Joiks, sondern stets der Person, der er gewidmet ist. Ein Personenjoik hält auch die Erinnerung an eine verstorbene Personen wach. Wer einen Verstorbenen joikt, kann mit ihm auch spirituell in Kontakt treten. „Ein altes Sprichwort der Samen besagt: Solange der Joik erklingt, lebt die Person weiter, auch über Generationen hinweg“, verrät Musikethnologin Dr. Lea Hagmann den Gästen im Gespräch.

Widererstarken eines samischen Nationalbewusstseins
In den 1940er-Jahren begann Schweden, die Samen nach langen Jahren der Repression als eigenständige nationale Minderheit anzuerkennen. 1952 ging dort das erste samisch sprachige Radio auf Sendung. 1984 folgte in Norwegen mit dem Sámi Radio in Karasjok ein eigener Sender in samischer Sprache. 1956 gründeten einige Samen aus Norwegen, Schweden und Finnland den „Nordischen Samenrat“, eine länderübergreifende samische Interessenvertretung.
In den 1960er-Jahren räumte die norwegische Regierung den Samen das Recht ein, ihre Kultur und Sprache zu bewahren und aktiv zu fördern. In diesem Zusammenhang wurde Samisch an einigen Schulen in Sápmi als Unterrichtssprache zugelassen. Auch entstanden zu dieser Zeit neue Einrichtungen wie das samische Museum in Karasjok und ein Kulturzentrum für die Südsamen. Erst 1991 wurden auch die Samen auf der russischen Kola-Halbinsel in den Nordischen Samenrat aufgenommen. So wurde eine Vernetzung der Samen in ganz Sápmi, also über alle vier Länder möglich.
Der Joik: Ausdruck von Identität und Widerstand
Ein entscheidender Wendepunkt für das Wiedererstarken des samischen Nationalbewusstseins war der Kampf der Samen gegen den Bau des Alta-Stausees in der norwegischen Finnmark in den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren. Die geplante Überflutung der samischen Siedlung Máze und die Bedrohung der Rentierweiden lösten in der samischen Bevölkerung massive Proteste aus. Der Máze-Joik (siehe auch Čáppa Máze Lyrics by Ailloš), der die Schönheit der Heimat Máze und ihren drohenden Verlust besingt, wurde zur Hymne des Widerstands. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie traditionelle Musik indigene Interessen sichtbar machen und politische Botschaften transportieren kann.
Samische Künstlerinnen und Künstler spielten dabei eine entscheidende Rolle: Nicht alle unterstützten die Proteste durch direkte Aktionen, aber viele von ihnen vermittelten durch ihre Kunst und Musik der breiten Öffentlichkeit die samische Perspektive. Eine der prägendsten Figuren dieser Zeit war der Same Nils-Aslak Valkeapää (1943–2001), besser bekannt als Áillohaš. Als Joiker, Dichter und Schriftsteller machte er die samische Sprache, Kultur und Weltanschauung einem breiten Publikum zugänglich. Seine Joiks, aber auch Lyrik, darunter der Gedichtband Beaivi, áhčážan („Die Sonne, mein Vater“) fanden internationale Beachtung und stärkten das Bewusstsein für die Rechte indigener Völker.
Obwohl der gemeinsame Widerstand der samischen Gemeinschaft in Alta, von Umweltschützern und Menschenrechtsorganisationen den Bau des Staudamms nicht gänzlich verhindert konnte, blieb die Siedlung Máze verschont. Das Staudammprojekt musste umgeplant werden. Ein Teilerfolg, der das samische Nationalbewusstsein in Norwegen sowie in ganz Sápmi stärkte. Der berührende Film Let The River Flow mit der samischen Schauspielerin und Musikerin Ella Marie Hætta Isaksen in der Hauptrolle erzählt die Geschichte der jungen Samin Ester. Er thematisiert den Kampf der samischen Gemeinschaft in Alta gegen den Bau des Alta-Stausees und hält so die Erinnerung an diesen prägenden Widerstand wach.
Seit 1992 feiern die Samen jedes Jahr am 6. Februar mit der Nationalhymne „Sámi soga lávlla“ (Lied des Samenvolkes) und dem Nationaljoik „Sámi eatnan duoddariid“ (Sápmi, Land der Tundra), geschrieben von Nils Aslak-Valkeapää, ihren Nationalfeiertag. In Norwegen, Schweden und Finnland gibt es heute samische Parlamente (Sameting/Sámediggi), die als Interessenvertretungen fungieren und Selbstverwaltungsorgane der Samen sind. Der „Samische Rat“ vertritt außerdem als übergeordnetes Organ die Interessen der Samen in ganz Sápmi, also in allen vier Ländern.
Der Joik erobert die Welt – doch der Kampf um indigene Rechte dauert an
Doch der Joik wurde nicht nur durch die Alta-Proteste weltweit bekannt, sondern auch durch die Weltmusikbewegung der 1980er-Jahre und samische Musiker wie Mari Boine. Auch der Sámi Grand Prix, der traditionelle und moderne Joik-Interpretationen jedes Jahr auszeichnet, trägt zur Popularität von samischer Musik bei. Junge Samen wie Jon Henrik Fjällgren, Marja Mortensson oder Ella Marie Hætta Isaksen verbinden den traditionellen Joik mit moderner Musik und präsentieren so ihre Kultur und Identität selbstbewusst auf der Weltbühne.
Auch samische Künstler wie die Textilkünstlerin Britta Marakatt-Labba, dessen Werke aktuell in einer Ausstellung in der Kunsthalle in Mainz zu sehen sind, geben der samischen Kultur mit ihrer Arbeit eine globale Stimme. Dennoch müssen die Samen bis heute immer wieder für ihre Interessen und Rechte kämpfen und sich gegen ökonomische Interessen wie Windparks, die industrielle Forstwirtschaft und die Interessen einflussreicher Bergbauunternehmen wehren. Denn all diese Eingriffe in die Natur bedrohen die samischen Fischereigründe und jahrhundertealten Weiden und Zugrouten der Rentiere.
Im Jahr 2021 gewannen die Samen einen über zwanzigjährigen Rechtsstreit mit dem norwegischen Staat gegen den Bau des Fosen-Windpark nördlich von Trondheim vor dem obersten Gericht Norwegens. Doch als das Urteil fiel, stand der Windpark bereits seit vielen Jahren. Und er steht bis heute, obwohl viele Samen auf den Rückbau des Windparks drängten. „Ein Symbol für die Ignoranz gegenüber indigenen Rechten“, meint Dr. Lea Hagmann. Der bei der Berlinale 2026 gezeigte Spielfilm „Àrru“ von der samischen Filmemacherin und Choreografin Elle Sofe Sara thematisiert den Kampf der Samen gegen ökonomischen Interessen, aber auch die jahrhundertelange Unterdrückung und Repression der samischen Kultur und ihre Auswirkung auf die indigene Gemeinschaft bis in die Gegenwart.

Die Ainu – Japans vergessene Ureinwohner
Die Ainu sind die indigene Bevölkerung des nördlichen Japans, insbesondere der Insel Hokkaidō (historisch auch „Ezo“ genannt). Ihr traditionelles Siedlungsgebiet erstreckt sich aber auch auf Sachalin und die Kurilen, Gebiete, die heute zu Russland gehören. Die Ainu-Kultur entwickelt sich über Jahrhunderte hinweg. Die Jōmon-Kultur (ca. 14.000-300 vor Christus) gilt als eine der ältesten Kulturen Japans. Aktuelle genetische und anthropologische Forschungen deuten darauf hin, dass die Ainu genetisch eng mit der Jōmon-Kultur verwandt sind, es aber auch Einflüsse weiterer indigener Gruppen gibt.
Offizielle Schätzungen (zum Beispiel der japanischen Regierung) gehen von 20.000 bis 25.000 lebenden Ainu in Japan aus. Inoffizielle Schätzungen (beispielsweise von Ainu-Organisationen) vermuten, dass es sogar bis zu 200.000 lebende Ainu in Japan geben könnte, da viele Ainu aufgrund des Assimilationsdruckes und der Diskriminierung ihre Identität verbergen. Der Name „Ainu“ bedeutet in ihrer Sprache „Mensch“ beziehungsweise wörtlich „Die Menschen“. Die Selbstbezeichnung „Utari“ (Kamerad) wird seltener verwendet, ist aber in vielen Ainu-Gemeinschaften bewusst gewählt, um die Ainu-Zugehörigkeit zu verdeutlichen.
Die japanische Assimilations- und Repressionspolitik, besonders während der Meiji-Zeit zwischen 1868–1912 war systematischer Natur: Ainu-Kinder durften in Schulen nur Japanisch sprechen. Ihre Traditionen und Bräuchen wurden stigmatisiert, so dass viele Ainu sich nicht mehr trauten ihre Kultur und Identität offen auszuleben. Vor allem Frauen retteten die Traditionen, durch diese „dunklen Zeiten“, in dem sie Lieder, Mythen und Bräuche in den Familien heimlich mündlich überlieferten. Die Sprachweitergabe an die nächste Generation gestaltete sich aufgrund der Unterdrückung jedoch als schwierig, weshalb die Ainu-Sprache heute als nahezu ausgestorben gilt. Nur noch einige wenige ältere Ainu beherrschen die Sprache fließend.
Auch die Kultur der Ainu ist geprägt von einer tiefen Verbundenheit zur Natur. Die Ainu glauben, dass alle Elemente der Natur, also Tiere, Pflanzen, Flüsse, Berge aber auch Naturphänomene wie der Wind oder der Donner einen göttlichen Geist (Kamuy) besitzen. Der Bär (Kim-un Kamuy) wird bei den Ainu besonders verehrt. Er gilt als Bote zwischen den Welten. Die Ainu glauben, dass die Götter in Gestalt dieses Tieres in Kontakt mit den Menschen treten. Der Bärenkult, auch „Iyomante“ genannt, war in vergangenen Zeiten ein zentrales Ritual der Ainu. Hierbei wurde ein zwei Jahre altes von Hand aufgezogenes Bärenjunges rituell den Göttern geopfert. Das Ritual galt als Ehrerbietung gegenüber den Göttern.
Heute wird dieses Ritual kaum noch in traditioneller Form praktiziert, vor allem wegen ethischer Bedenken und Tierschutzrechten. Für viele Ainu ist der Brauch aber noch immer spirituell von Bedeutung. Einige Ainu führen den Brauch daher in abgewandelter Form fort, zum Beispiel durch symbolische Handlungen wie durch Tänze und Gesängen und mit Gegenständen wie Bärenfell oder Holzfiguren.
Musik als lebendiges Erbe der Ainu
Auch die Musik der Ainu ist wie der Joik der Samen eng mit der Natur verbunden und ein zentrales Mittel, um ihre Identität auszudrücken. Manche Ainu-Melodien beschreiben Wasservögel, Bäume oder generell die Schönheit der Landschaft Hokkaidōs. Andere besingen die Arbeit, den Alltag und das Gemeinschaftsleben. „Musik ist tief im Alltag und in der Spiritualität der Ainu verankert. Sie ist Träger von Mythen und Geschichten und half in vergangenen Zeiten sogar dabei, Konflikte zu schlichten“, erzählt die Musikerin Akiko Takahashi. Das Ainu-Wiegenlied „Pirika“ zum Beispiel ist eine sanfte Melodie, die hörbar macht, wie eine Mutter ihr Kind liebevoll in den Schlaf wiegt.
Während der traditionelle Joik der Samen oft a cappella gesungen oder mit Trommelrythmen begleitet wird, begleiten die Ainu ihre Lieder gerne mit Instrumenten, die wie die Natur selbst klingen. Die Mukkuri, eine Maultrommel aus Bambus, die traditionell von Frauen gespielt wird und overtonähnliche Klänge erzeugt, summt wie ein Schwarm Insekten an einem Sommertag, während die Tonkori, eine Schalenzitter mit ihren fünf Saiten an das Plätschern eines Bergbaches erinnert. Beide Instrumente sind aber mehr als nur musikalische Begleitung: Sie gelten als die Stimmen der Ahnen und der Götter (Kamuy), die durch Holz und Saiten sprechen. Die meisten Ainu-Lieder werden mündlich überliefert, meist von älteren Frauen, die in der Ainu-Gemeinschaft eine zentrale Rolle als Hüterinnen des Wissens einnehmen.
Alltagslieder, in der Ainusprache „Upopo“ genannt, sind traditionelle Lieder, die auf Wechselgesang und Wiederholungen basieren. Bekannte Beispiele sind „Iuta Upopo“ (Das Stampflied). Es begleitet die Reis- und Hirseverarbeitung. „Kar Upopo“ hingegen ist ein Lied über die Herstellung von Tonoto, einem traditionellen, alkoholhaltigen Getränk aus fermentiertem Getreide, das früher bei Ritualen als Opfergabe für die Kamuy (Götter) diente. Andere Upopo-Lieder haben eine schützende Funktion und sollen böse Geister abwehren oder um Glück zu bitten, zum Beispiel für die Jagd oder bei Mahlzeiten.
Rekuhkara hingegen ist ein traditioneller Ainu-Kehlgesang-Wettkampf zwischen Ainu-Frauen, bei dem Improvisation und Rhythmus im Mittelpunkt stehen. Heute ist diese Tradition leider nicht mehr aktiv. Die letzte noch lebende Meisterin starb 1973.
Kolonialisierung und Unterdrückung
Ab der Meiji-Zeit (1868 –1912) begann der japanische Staat mit der gewaltsamen Kolonisierung Hokkaidōs. Die Ainu wurden zwangsumgesiedelt, ausgebeutet und gezwungen, die japanische Lebensweise anzunehmen. Ihre Sprache, Musik, Tänze und Traditionen wie die Gesichts- und Handtattoos bei Frauen, die lange Bärte bei Männern und ihre traditionelle Kleidung wurden systematisch diskriminiert und unterdrückt. Sie durften in der Öffentlichkeit auch ihre Ainu-Sprache nicht mehr sprechen und ihre Kinder mussten japanische Schulen besuchen und Japanisch lernen. Das Gesetz „Hokkaido Former Aborigines Protection Act“ (ab 1899) war ein regelrechtes „Schein-Schutzgesetz“, das die Ainu systematisch unterdrückte. Es blieb fast ein Jahrhundert lang in Kraft und wurde erst 1997 offiziell aufgehoben.
Ein Jahr später wurde es durch das „Ainu-Kulturfördergesetz“ („Ainu Culture Promotion Act“) ersetzt, das erstmals die kulturellen Rechte der Ainu anerkannte. Dieses neue Gesetz war ein erster großer Meilenstein im Kampf der Ainu um Anerkennung. Auschlaggebend dafür war auch das Nibutani-Staudamm-Urteil von 1997, in dem ein japanisches Gericht den Bau des Nibutani-Staudamms als rechtswidrig anerkannte, da im Rahmen des Staudammprojekts Ainu-Land unrechtmäßig enteignet wurde. Es war das erste Mal seit der Jahrhunderte lang anhaltenden Unterdrückung, dass die Rechte der Ainu als indigene Gruppe von einem Gericht anerkannt und bestätigt wurden.
Wiedererstarken der Ainu-Identität
Seitdem erlebte die Ainu-Kultur weiteren Aufschwung. Ausschlaggebend hierfür war auch das Engagement verschiedener Ainu-Gruppen und -aktivisten, die sich seit dem Nibutani-Staudamm-Urteil, das die Identität der Ainu stärkte, gebildet hatten und die sich für die Rechte der Ainu als indigene Gemeinschaft einsetzten. Ein weiterer Meilenstein war die offizielle Anerkennung der Ainu als indigene Volksgruppe im Jahr 2008 durch den japanischen Staat, die aus einer UN-Deklaration zu indigenen Rechten aus dem Jahr 2007 resultierte. Mit dem Inkrafttreten des „Ainu Policy Promotion Act“ im Jahr 2019 wurden die Ainu endlich rechtlich als indigene Minderheit anerkannt. Das Gesetz verbietet Diskriminierung, schützt traditionelle Jagd und Fischereirechte und garantiert die finanzielle Förderung kultureller Projekte rund um Sprache, Musik und Rituale der Ainu.
Viele Ainu kritisieren jedoch, dass die Anerkennung nicht mit der Rückgabe von Landrechten und finanzieller Wiedergutmachung für die unrechtmäßige Enteignung verbunden wurde. Im Jahr 2020 wurde in Shiraoi auf der Insel Hokkaidō das Ainu-Nationalmuseums mit Park (Upopoy National Ainu Museum) eröffnet. Einige Ainu werfen dem staatlichen Museum vor, dass ihre Volksgruppe selbst kaum an der Planung beteiligt wurde und die historische Unterdrückung der Ainu durch den japanischen Staat in der Ausstellung verharmlost wird. Die Eröffnung des Nationalmuseums kurz vor den Olympischen Spielen in Tokio stieß bei Ainu-Aktivisten zudem auf scharfe Kritik. Aus ihrer Sicht war das Museum eine reine PR-Maßnahme, die lediglich dazu dienen sollte, das internationale Image Japans aufzupolieren. Viele Ainu fordern zudem generell mehr Mitsprache bei Projekten, die ihr Land betreffen, zum Beispiel im Tourismus oder auch bei Staudammprojekten.
Neben dem Upopoy National Ainu Museum bewahren kleinere, traditionelle von der Ainu-Gemeinschaft getragene Museen wie das im Jahr 1972 gegründete „Nibutani Ainu Cutlure Museum“ in Hokkaidō das kulturelle Erbe der Ainu. Dort werden Sprache, Musik (Upopo, Tonkori, Mukkuri), Tanz, traditionelle Kleidung mit typischen Ainu-Mustern, Ainu-Handwerk und Rituale wie der Iyomante-Bärenkult authentisch gezeigt und weitergegeben und auch die Jahrhunderte anhaltende Unterdrückung durch den japanischen Staat umfangreich thematisiert.
Ainu in Japan: Eine Minderheit zwischen Stolz und Stigma
Trotz der Fortschritte bleibt die Anerkennung der Ainu in der japanischen Mehrheitsgesellschaft bis heute problematisch. Viele Ainu verbergen zum Beispiel bis heute bei der Jobsuche oder auch bei Heirat ihre Ainu-Identität, um Diskriminierung zu vermeiden. Zwar wurde der Ainu-Tanz im Jahr 2009 von der UNESCO als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt, doch innerhalb Japans werden die Traditionen der Ainu besonders im Tourismus noch immer als exotische Folklore dargestellt und vermarktet, ohne ihre politische und historische Dimension zu berücksichtigen und zu würdigen und ihre leidvolle Geschichte der Unterdrückung durch den japanischen Staat ausreichend zu thematisieren.
Oft werden auch Ainu-Rituale und Traditionen verfälscht dargestellt und die Ainu-Kultur und ihre heilige Stätten, wie Nibutani, werden durch den japnischen Tourismus kommerzialisiert, was aus Sicht der Ainu einer kulturellen Aneignung gleichkommt. Ein prominentes Beispiel ist die missbräuchliche Darstellung von Ainu-Ritualen wie des Iyomante-Bärenkults in touristischen Shows. Dieses Ritual wird heute kaum noch von Ainu praktiziert. In touristischen Shows wird es jedoch häufig vereinfacht und verfremdet dargestellt, zumeist ohne Rücksicht auf seine spirituelle Bedeutung für die Ainu. Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich übrigens auch in Nordeuropa in Bezug auf die samische Kultur. Viele nicht-samische Tourismusanbieter nutzen traditionelle Symbole, Trachten und Rituale der Samen in ihrem Tourismusangebot. Sehr zum Ärger der Samen, die das zu Recht als Kulturaneignung und Respektlosigkeit gegenüber ihrer Kultur ansehen.
Dennoch nutzen junge Ainu wie auch junge Samen heutzutage soziale Medien, moderne Kunst und Popkultur, um ihre Kultur zu bewahren und ihre indigene Identität global sichtbar zu machen. „Auch Anime und Manga greifen Ainu-Mythen und Traditionen sowie Themen wie die Unterdrückung der Ainu auf, und erreichen damit auch ein jüngeres Publikum. Doch selten fließen die erzielten Erlöse auch zu den Ainu zurück“, bedauert Akiko Takahashi.
Musik als Erzählung und Klangarchiv von Kultur und Identität

Beide Völker, die Samen und auch die Ainu wurden somit lange Zeit systematisch entrechtet, ihre Sprachen, Traditionen und Religionen systematisch unterdrück, teilweise sogar verboten. Doch ihre Kultur überlebte im Verborgenen, in Liedern, Gesängen, Tänzen und Rhythmen. Trotz der geografischen Distanz verbindet die Samen und das Volk der Ainu eine kulturelle und spirituelle Nähe, besonders in Bezug auf ihre Musik. Beide Kulturen pflegen eine innige Beziehung zu ihrer Umwelt, die sich in Melodien widerspiegelt.
Ihre Musik bewahrt das Wissen um eine Welt, in der alles beseelt ist und Bedeutung trägt. Sie erzählt von sich wandelnden Landschaften im Rhythmus der Jahreszeiten, von Pflanzen und Tieren, die als Gefährten und Lehrer verehrt werden, von Alltag, Arbeit und Jagd, einer Welt, die stets verwoben ist, mit den Naturelementen Erde, Wasser, Luft und Feuer. Für die Samen und Ainu ist die Natur und der Alltag keine Kulisse, sondern Hauptakteurin. Ihre Musik ist auch Trägerin von Erinnerungen. Sie dient zudem der Kommunikation innerhalb der indigenen Gemeinschaften und macht die indigene Kultur hörbar, spürbar und erlebbar für die indigenen selbst, aber auch für eine breite Öffentlichkeit.
Musik verleiht indigenen Völkern eine Stimme
Indigene Musik, wie der Joik der Samen oder die Musik der Ainu, ist somit nicht nur Ausdruck von Tradition und Spiritualität. Sie ist auch eine Form, mit der indigene Interessen und politische Forderungen transportiert werden können. Sie trägt zur Stärkung der indigenen Gemeinschaft und Identität bei. In einer Welt, in der Landraub, Klimawandel und kulturelle Aneignung indigene Völker bedrohen und indigene Rechte oft überhört werden, wird Musik, unterstützt durch das Internet und soziale Medien, zu einem mächtigen Instrument im Kampf um indigene Rechte, Anerkennung, Selbstbestimmung und Identität.
Wenn eine samische Musikerin auf der Bühne joikt oder eine Ainu-Musikerin die Tonkari oder die Mukkuri spielt, dann ist das kein reiner Folklore-Auftritt, sondern eine klare Botschaft: Wir sind noch hier. Und wir weichen nicht. „Und ich denke, wer seine Traditionen kennt und bewahrt, kann auch offen für moderne Einflüsse sein, ohne seine Wurzeln zu verlieren, und so geschickt eine Brücke in die Gegenwart schlagen“, meint Dr. Lea Hagmann. Ein wohl wichtiger Schritt auch für Indigene, um in einer lauten, sich immer schneller verändernden, modernen Welt sichtbar zu sein und zu bleiben, statt unterzugehen.
Dass diese Verbindung von Tradition und Moderne gelingen kann, zeigt auch der Dokumentarfilm „Beyond Tradition – Kraft der Naturstimmen“ (2023) der Musikethnologin, Regisseurin und Journalistin Lea Hagmann. Der Film begleitet junge Musikerinnen und Musiker darunter die samische Joikerin Marja Mortensson, die Joik mit Waldhornklängen kombiniert und so demonstriert, wie indigene Gesänge heute neu interpretiert werden können, ohne ihre spirituelle Tiefe zu verlieren.
Beiträge zur samischen Kultur auf Finntastic.de
- Die Bedeutung von Joik (Interview mit dem samischen Schauspieler, Musiker und Joiker Iŋgor Ántte Áilu (Ailloš) aus Kautokeino, Norwegen.)
- Sápmi und die Samen – Das Land und das Volk (Interview mit Samenfreund Hans-Joachim Gruda)
- Die Geschichte der Samen im Hohen Norden Europas (Universität Bremen)
- Joik in der Schweiz – Ein Herz für den samischen Joik
- Näkkälä – Ein Film über die samische Kultur und eine ganz besondere Freundschaft
- Helle Tage, helle Nächte – Ein Buch über ein Familiengeheimnis und eine Reise nach Schwedisch-Lappland
- goEast Filmfestival: Indigener Film – Werke von Lehmuskallio und Lapsui
- Wimme & Rinne – traditioneller Joik trifft experimentelle Musik
- Website des samischen Musikers, Joikers und Schauspielers Iŋgor Ántte Áilu Gaup (Ailloš)
Filmtipps zur samischen Kultur
- Let the River Flow – Film über die samischen Proteste gegen den Altastaudamm in Norwegen Ende der 1970er-Jahre
- Das Mädchen aus dem Norden – Ein Film über den Assimilationsdruck der Samen in Schweden
- Pathfinder – Eine samischer Volkssage (Erster Film in samischer Sprache)
- Näkkälä – Ein Film über eine Freundschaft zwischen den Kulturen (Ein Dokumentarfilm von Peter Ramseier)
- Árru – ein berührender Spielfilm von Elle Sofe Sara, der den Kampf einer samischen Familie gegen ein Bergbauprojekt und innere Konflikte einfühlsam in Szene setzt.
- Beyond Tradition – Kraft der Naturstimmen – Ein filmisches Porträt von der Regisseurin Dr. Lea Hagmann, das die Musik Indigener und die Menschen, die sie bewahren, in den Mittelpunkt stellt.
- Website der Musikethnologin Dr. Lea Hagmann
Aktueller Eventtipp: Samischen Textilkunst von Britta Marakatt-Labba in der Kunsthalle Mainz bis Ende Juli 2026

Ihre Kunst erzählt von der Natur im hohen Norden, von Geschichten und Mythen der Samen, der samischen Kultur, aber auch von der jahrhundertealten Unterdrückungsgeschichte der Samen in ganz Sápmi, dem dadurch entstandenen generationsübergreifenden Trauma und dem mutigen Kampf der Samen für ihre Rechte, Identität, Kultur und Traditionen.
–> Zur Ausstellungswebsite der Kunsthalle Mainz
–> Artikel über die Künstlerin beim SWR
Kultur der Ainu
- Die Ainu – Das versteckte Volk Japans – Beitrag über das Volk der Ainu beim Deutschlandfunk
- Kapiw and Apappo – A Tale of Ainu Sisters: Dokumentarfilm von Takayuki Sato über das Ainu-Musiker-Duo Kapiw & Apappo
- Manga-Serie Golden Kamuy von Satoru Noda – schildert die Kultur und Lebensgewohnheiten der Ureinwohner Hokkaidos
- Anime Golden Kamuy – Netflixserie, die von der Ainu-Kultur und deren Mythen inspiriert ist.
